Was ist das gute Leben?
Wir sind Suchende und können in unserer Ambitioniertheit auch nicht aufhören, immer und immer weiter zu suchen. Als Suchende ergreifen wir jede der sich bietenden Chancen, die uns ein erfülltes Leben verheißen und …
… uns mit unserer Sterblichkeit versöhnen mögen, so dass wir am Ende doch sagen könnten, es habe sich gelohnt, dieses Leben auf sich genommen zu haben. Marianne Gronemeyer bringt es auf den Punkt: Es ist unser Wunsch, ein gutes Leben zu führen und wir erfüllen uns diesen Wunsch in einem „Leben als letzte Gelegenheit“. Doch sind wir so wirklich zufrieden? Könnte es nicht sein, dass wir auf der Suche nach dem guten Leben immer wieder enttäuscht werden, weil wir immerfort an falscher Stelle suchen?
Unter einer Straßenlaterne bewegt sich ein Mann auf allen Vieren und sucht. Er sucht und sucht, jeden Quadratzentimeter des Gehwegs abtastend, sich in alle Richtungen bewegend – unermüdlich. Kommt sein Nachbar daher und wie er ihn sieht in seinem Bemühen, fragt er, was er denn suche. „Meinen Schlüssel“, antwortet der Mann. Nun lässt sich auch der hilfsbereite Nachbar auf den Boden nieder und sie suchen beide. Nach geraumer Zeit will der Nachbar wissen, ob sich der Mann denn sicher sei, dass er den Schlüssel gerade hier verloren habe. „Nein, nein“, antwortet dieser etwas verlegen, „ich glaube, es war da hinten – aber hier ist viel mehr Licht!“
Wir suchen da, wo das meiste Licht ist, nämlich genau dort, wo unser Blick ganz automatisch hinfällt – auf Äußerlichkeiten. Davon überzeugt, dass unsere Lebenszufriedenheit von äußeren Quellen des Glücks abhängt, haben wir alle nicht nur einmal die Erfahrung machen müssen, dass die Wirkung der erstrebten Gratifikation wie ein kurzlebiges Strohfeuer alsbald wieder verpufft ist. Was macht demgegenüber ein nachhaltig gutes Leben aus? Für die Philosophin Eva von Redecker zeichnet sich ein gutes Leben durch „Bleibefreiheit“ aus. Während „Reisefreiheit“ erlaubt, sich uneingeschränkt bewegen, sowie häufige und schnelle Ortswechsel vornehmen zu können, definiert sie Freiheit neu, nämlich an einem Ort zu leben, an dem wir tatschächlich bleiben könnten (was die Reisefreiheit keineswegs einschränkt). Sie möchte damit Ansatzpunkte zur Lösung der ökologischen Krise auch von der Frage her bestimmen, was ein „gutes Leben“ für jeden Menschen ausmacht, der auf die zunehmend prekärer werdenden Umweltbedingungen angemessen Rücksicht nimmt.
Während der Lektüre ihres Buches habe ich mir vorgestellt, wie unsere Welt wohl aussehen würde, in der jedem Menschen die Freiheit garantiert wäre, genau da bleiben zu können, wo auch immer er sich gerade niedergelassen hat. Dies ist in einer Zeit großräumiger Migrationsbewegungen keineswegs mehr selbstverständlich. Trotz bedrohter Lebensbedingungen genießen wir hierzulande das Privileg, unsere Lebensgewohnheiten weitgehend noch beibehalten zu können, ohne uns betroffen zu fühlen. Für viele Menschen hingegen, die schon jetzt heimatlos leben, ist das Unbehagen im Klimawandel bereits heute hautnah spürbar. Der Philosoph Nikolaj Schultz nennt dieses Unbehagen „Landkrankheit“.
Wir müssen erst von ihr befallen werden, um schließlich den Wert von Beibefreiheit ermessen zu können.
Eva von Redecker: Bleibefreiheit. S. Fischer Verlag 2023; Nikolaj Schultz: Landkrank. Suhrkamp Verlag 2024; Marianne Gronemeyer: Das Leben als letzte Gelegenheit. Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2014
We are always leaving ourselves. So as we learn to value not arriving, we arrive – for true arriving is a matter of not leaving.
Immer verlassen wir uns selbst. Wenn wir also zu schätzen lernen, nicht anzukommen, kommen wir an – denn wahrhaft anzukommen bedeutet, niemals weggegangen zu sein.
A. H. ALMAAS
You do not need to leave your room. Remain sitting at your table and listen. Do not even listen, simply wait, be quiet, still and solitary. The world will freely offer itself to you to be unmasked, it has no choice, it will roll in ecstasy at your feet.
Es ist nicht notwendig, daß Du aus dem Haus gehst. Bleib bei Deinem Tisch und horche. Horche nicht einmal, warte nur. Warte nicht einmal, sei völlig still und allein. Anbieten wird sich Dir die Welt zur Entlarvung, sie kann nicht anders, verzückt wird sie sich vor Dir winden.
FRANZ KAFKA 1920, Zürauer Zettel, Nr. 109b